Tradition und Erneuerung
Wenn
man sich entschließt, ein Ritual durchzuführen, hat man zwei Möglichkeiten:
a)
ein bereits existierendes traditionelles Ritual zu vollziehen
Die Tradition vermittelt
wertvolles Wissen. Manche spirituellen Techniken wurden jahrhundertelang immer
wieder angewandt und haben dabei eine konkrete Form der Ergebnisse festgeschrieben.
Letztendlich ist das traditionelle Ritual ein präzise geformter Schlüssel,
der in ein einziges Loch paßt.
Allerdings wurden diese Rituale auf der Grundlage des Wissens und der Erfahrung,
sowie den Bedürfnissen und den Vorstellungen einer bestimmten Kultur entwickelt.
Sie können deshalb für Menschen aus anderen Kulturen schwer nachvollziehbar
sein.
b)
ein eigenes Ritual zu finden
Natürlich kann
man auch sein ganz eigenes Ritual finden, wobei dann allerdings das Ergebnis
nicht so klar vorgegeben ist. Ein neues Ritual, das den eigenen inneren Quellen
entspringt, kann einen entscheidenden Vorteil gegenüber einem Ritual haben,
das aus einer fremden Kultur stammt. Dieser Vorteil liegt v.a. darin, daß
die Symbolsprache, auf die sich das Ritual aufbaut, nicht nur eine Verbindung
zu den eigenen Erfahrungen herstellt, sondern auch zu der Kultur und Zeit, in
der man lebt.
Anstatt Dinge zu übernehmen, muß man andere Quellen der Kreativität
und Inspiration entdecken, um das Ritual zu kreieren, welches am besten zu einem
paßt:
Träume können als Inspiration für ein Ritual dienen. Man kann
die genaue Anleitung für ein Ritual träumen, oder im Traum den Hinweis
kriegen, daß es wichtig ist, zu einem bestimmten Thema ein Ritual durchzuführen.
Nach dem Aufwachen kann der Traum ganz oder teilweise nachgemacht werden, obwohl
das nicht immer nötig ist. Manchmal reicht es auch schon aus, daß
das Ritual im Traum vollzogen wird.
Eine weitere Quelle sind Eingebungen, sei es während einer Meditation oder
aber in Form eines ganz spontanen Gedankenblitzes. Eingebung heißt soviel
wie „plötzliches klares Verständnis“. Im Bruchteil einer
Sekunde geht einem ein Gedanke durch den Kopf, der einen auf körperlicher,
emotionaler, geistiger und spiritueller Ebene gleichzeitig berührt und
bestimmte Zusammenhänge ganz klar erkennen läßt.
Aber auch durch logisches Denken können wunderschöne und wirkungsvolle
Rituale gefunden werden, indem man sich bestimmte Fragen zu dem Ritual stellt
und dann anfängt damit zu arbeiten (z.B. Was ist das Ziel? Welche Kräfte
möchte ich anrufen? Wer soll teilnehmen? etc.)
Auch die traditionellen Rituale können als Quelle für neue Rituale
dienen. Durch Anerkennung, und Beibehaltung der guten und wertvollen Dinge,
die die Tradition zu vermitteln hat, und durch Ablegen jener, die unserer Zeit
und Kultur nicht gemäß sind, wird neuen Generationen die Möglichkeit
gegeben, sich neue Rituale auf der Grundlage der alten zu schaffen.
Es ist wichtig, die alten Traditionen zu achten und zugleich kann man sich ganz
unbefangen des Basiswissens bedienen, das durch sie vermittelt wird, und einfach
damit herumexperimentieren, um selbst herauszufinden, was das Beste für
einen ist.
Natürlich gibt es auch die Möglichkeit, Rituale zu übernehmen,
die man z.B. in einem Wochenendkurs gesehen oder mitgemacht hat. Allerdings
sollte man, wenn man auf ein Ritual stößt, das man gerne für
sich oder mit anderen verwenden möchte immer angeben, woher man es hat
und in irgendeiner Form um Erlaubnis bitten. Am besten den Schöpfer der
Rituals selbst, und wennn das nicht geht, kann man sich mit dem eigenen Höheren
Selbst, Geistführer o.ä. verbinden und versuchen, die Antwort in sich
zu finden.
Manche Rituale nehmen nur langsam Gestalt an. Mithilfe der Intuition, Assoziationen
und des logischen Denkvermögens kann man alle möglichen Ideen und
Elemente aus den unterschiedlichsten Quellen (Bücher, Sportübungen,
bekannte Meditationen, Bewegungen eines Tieres und andere Beobachtungen in der
Natur etc.) verbinden und eine neue Kombination daraus entstehen lassen, die
eine Wirkung hat, die einem gefällt.
Allgemein läßt sich sagen, daß es zwei Quellen gibt, aus denen
man Informationen für eigene Rituale schöpfen kann: Die persönliche
und die transpersonale Ebene (das kollektive Unbewußte). Das kollektive
Unbewußte ist der Bereich, der allen Menschen über Symbole, Träume
und Trance zugänglich ist. Er enthält weit mehr Informationen, als
der eigene Ideen- und Erfahrungsschatz.
Allerdings wird man bei der Arbeit mit neuen Ritualen immer wieder Entdeckungen
machen, die schon viele traditionelle Kulturen auf der ganzen Welt vorher gemacht
haben, d.h. die eigenen Rituale sind häufig den traditionellen Ritualen
sehr ähnlich. Die Erklärung dafür ist einfach: Die Form eines
Rituals ist oft in hohem Maße abhängig von den menschlichen Bedürfnissen
und Fähigkeiten, die im Grunde genommen bei allen Menschen zu allen Zeiten
gleich sind. Außerdem basieren die Rituale auf Informationen aus dem kollektiven
Unbewußten. Sie folgen zudem einer Reihe von einfachen Gesetzmäßigkeiten,
wie z.B. „Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem
anderen zu.“, sowie anderen unveränderlichen Faktoren, wie z.B. die
verschiedenen Heilwirkungen von Pflanzen oder die Kräfte der Elemente (Feuer
transformiert, Wasser reinigt etc.)
Daan van Kampenhout, der Gründer des „Dutch Institute for Shamanism
and Ritual“ schreibt in seinem Buch "Heilende
Rituale": „Ich bin zu dem Schluß gekommen, daß es
einem Mangel an Achtung gleichkommt, nichtwestliche Traditionen einfach zu übernehmen.
Was wichtig ist, ist die Essenz dieser Rituale, nämlich uns auf die Welt
um uns herum - der tatsächlichen Umgebung, in der wir leben - einzustimmen
und von ihr zu lernen. Deshalb besteht die einzig richtige Vorgehensweise für
mich in der Schaffung neuer Rituale, die dieser Essenz gerecht werden. Wir können
von traditionellen Ritualen lernen und uns durch sie inspirieren lassen. Und
wenn wir die Erlaubnis bei den bevollmächtigten Vertretern dieser Kulturen
einholen, können wir auch Elemente daraus übernehmen, solange sie
nützlich sind, unser Leben hier und jetzt bereichern und uns mit den Kräften
in uns und um uns ins Gleichgewicht bringen.“
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